Peter Huchel (1903-1981)

In sechs Jahrzehnten literarischen Schaffens hat Huchel nicht mehr als vier Gedichtbände veröffentlicht, dazu Hörspiele, Prosa, Essays - ein Werk beispielloser Konzentration. Der Nobelpreisträger Joseph Brodsky rechnete es neben dem Werk Gottfried Benns zum Größten, was die deutsche Literatur der Nachkriegszeit hervorgebracht hat.

Schon mit 15 Jahren beginnt Peter Huchel Gedichte zu schreiben. Er wächst in den kleinstädtischen Verhältnissen von Lichterfelde (das heute zu Berlin gehört) und in Potsdam auf. Prägend für sein Schreiben werden die Aufenthalte auf dem Hof der Großeltern in Alt-Langerwisch, wo die Großmutter und die Magd Anna, die später in Gedichten vorkommt, zeitweise die Erziehung des Kindes übernehmen. Es ist jene mittelmärkische Gegend, in die der Dichter mit seinem Einzug ins Wilhelmshorster Haus am Hubertusweg Anfang der fünfziger Jahre zurückkehrt. In dieser Landschaft hat Huchel die wichtigste Zeit seiner Kindheit erlebt, hier ist das Inventar von Bildern gewachsen, aus dem er für sein Werk ein Leben lang schöpft.

Nach einem Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft in Wien und Freiburg unternimmt er Reisen nach Frankreich, Rumänien, Ungarn und die Türkei. 1932 erhält Huchel den Lyrikpreis der im Dresdner Jess-Verlag erscheinenden Zeitschrift „Kolonne“ und bekommt das Angebot, einen Band mit Gedichten zu publizieren, der unter dem Titel "Der Knabenteich" erscheinen sollte. Der Freundeskreis, der die Zeitschrift herausgibt (dazu gehören auch Günter Eich und Martin Raschke), macht mit seinem zivilisationskritischen Dichtungsverständnis Front gegen die ideologische Vereinnahmung der Literatur. In den frühen Jahren der geistigen Orientierung schließt Huchel sich dem Kreis des jüdischen Religionsphilosophen Oscar Goldberg in Berlin an, besucht in Freiburg anthroposophische Kurse und diskutiert nach seiner Rückkehr nach Berlin mit den Freunden Kantorowicz und Bloch über marxistische Ideen.   

1933 zieht Huchel das fertige Manuskript des "Knabenteichs" angesichts der „veränderten geschichtlichen Lage“ zurück. Während dieser Zeit lebt er in der Berliner Künstlerkolonie am Laubenheimer Platz und war befreundet mit Karola und Ernst Bloch, die im Nachbarhaus wohnten. Zum Freundeskreis gehörten auch Alfred Kantorowicz, Horst Lange, Fritz Sternberg, Elisabeth Langgässer und Oda Schaefer. Die Gedichte, die in dieser Zeit erscheinen, sind stark von Huchels Kindheit und der märkischen Kindheitslandschaft geprägt.

Die sogenannte Machtübernahme durch die Nazis war auch für Huchel mit einschneidenden Veränderungen verbunden. Die Künstlerkolonie wurde von einem SA-Trupp überrollt. Es gab Hausdurchsuchungen und Verhaftungen, die Freunde Bloch, Kantorowicz und Hans Arno Joachim mussten ins Ausland emigrieren. Seit 1935 verbindet Huchel eine Freundschaft mit Günter Eich. Wie Eich versucht Huchel mit Auftragsarbeiten für den Rundfunk schriftstellerisch zu überleben. Von 1934 bis 1940 entstehen, teilweise in Zusammenarbeit mit Eich, ca. 35 Hörspiele, Gedichte erscheinen kaum noch. Mit Kriegsbeginn bleiben die Sendeaufträge aus. 1941 wird Huchel zur Wehrmacht eingezogen und zunächst als Flugmelder eingesetzt. Ende April 1945 gerät er in der Nähe von Berlin in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Über die Zeit der Gefangenschaft schreibt Huchel 1951 in einem Lebenslauf: „…übernahm im Lager Rüdersdorf die politische und kulturelle Betreuung der Kameraden (Leitung des Antifa-Aktivs).“

Im September 1945 wird Huchel als Dramaturg beim Berliner Rundfunk eingestellt, ein Jahr später wird er zum Sendeleiter. Zu dieser Zeit betreut er Sendereihen, Hörspielproduktionen und leitet die Autorenstunde, in der er in jeweils halbstündigen Sendungen Autorinnen und Autoren wie Elisabeth Langgässer und Hermann Kasack vorstellt – alte Bekannte aus der Zeit der Künstlerkolonie. Im Frühjahr 1948 bekommt Huchel von Johannes R. Becher das Angebot, Chefredakteur der neu herauszugebenden literarischen Zeitschrift „Sinn und Form“ zu werden. Im gleichen Jahr erscheint nach dreißig Jahren literarischer Produktion sein erster Gedichtband ("Gedichte", Aufbau-Verlag).

Huchel setzt zunächst Hoffnungen in einen grundlegenden Wandel jener sozialen Verhältnisse, die zum Nationalsozialismus geführt hatten. Die Desillusionierung beginnt jedoch schon mit der Rücknahme der Bodenreform, die Huchel aufgrund seiner Kindheitserfahrungen auf dem Land sehr begrüßt hatte. Auf einer Reise in die Sowjetunion wird Huchel als Chefredakteur von „Sinn und Form“ das erste Mal gekündigt. Auf Intervention Brechts und begünstigt durch die politische Defensive der Staatsmacht nach dem 17. Juni 1953 wird die Kündigung bald zurückgenommen.

1953 war Peter Huchel nach Wilhelmshorst bei Potsdam gezogen. Hier wirkt er als autokratischer Chefredakteur von „Sinn und Form“ und macht die Zeitschrift mit seinem unbestechlichen Sinn für literarische Qualität zu einer der führenden deutschen Literaturzeitschriften (Walter Jens nennt sie später „das geheime Journal der Nation“), unter den Bedingungen verschärfter ideologischer Indoktrination in den fünfziger Jahren ist das eine kaum noch nachvollziehbare Leistung. Das Haus der Huchels wird nicht nur deshalb zu einem Ort der Literatur, weil der Dichter Peter Huchel dort wohnte. Oft waren in Wilhelmshorst Literaten aus Ost und West zu Gast, die Rang und Namen hatten in der deutschen Literatur: Hans Mayer und Stephan Hermlin, Max Frisch und Heinrich Böll, Ernst Bloch und Hans Henny Jahnn, Uwe Grüning und Wolf Biermann.

1962 muss Huchel die Chefredaktion der Zeitschrift abgeben, nachdem er sich wiederholt ideologischer Gängelung widersetzt hatte. Mit ihm kündigt die ganze Redaktion. Nach dem Bau der Mauer war die der Zeitschrift zugedachte Rolle als liberales Aushängeschild der DDR obsolet geworden. Es beginnt die Zeit kleinlicher Repressalien und permanenter Überwachung. Gottfried Bermann Fischer, Schwiegersohn des Verlagsgründers Samuel Fischer, bietet Huchel die Mitarbeit an der „Neuen Rundschau“ an, jener Zeitschrift, die einst Peter Suhrkamp und Herman Kasack betreut hatten, doch der Weg in den Westen ist versperrt.

Die Annahme des Westberliner Fontanepreises 1963 wird schließlich zum Politikum – die Attacken gegen den Dichter häufen sich. Alexander Abusch, der Huchel von der Annahme des Preises abbringen soll, droht mit der Bemerkung, er hätte schon andere aus falschem Stolz in den Tod gehen sehen. Die Staatssicherheit wirbt den Nachbarn für Spitzeldienste an und hört von 1963 bis zur Ausreise 1971 alle Telefongespräche mit. Zugleich wird die Post überwacht und zum größten Teil zurückgehalten. In einer Nacht-und-Nebelaktion werden die Unterlagen des „Sinn-und-Form“-Archivs auf einen LKW verladen und verschleppt. Gleichzeitig bleibt das Haus der Huchels in Wilhelmshorst ein Anlaufpunkt für viele Schriftstellerkollegen. Unter den wachsamen Augen der Staatssicherheit kommen befreundete Autorinnen und Autoren aus Ost und West zu Besuch, darunter Erich Arendt, Ingeborg Bachmann, Max Frisch, Wolf Biermann, Heinrich Böll, Günter Kunert, Hans Mayer und Rolf Schneider. Erst 1971, nach mehr als acht Jahren der Isolation und Überwachung, konnte Huchel mit seiner Familie über Westdeutschland nach Italien ausreisen. Max Frisch hatte sich dafür beim Internationalen PEN in London eingesetzt.

Das lyrische Werk Huchels ist wie kein anderes mit der Landschaft und den Bewohnern der Mark Brandenburg verbunden. Das trifft nicht nur für die naturmagischen Gedichte seines Frühwerks zu, sondern auch für sein späteres Werk, für das die Synthese von „politischem Gedicht“ und „Naturlyrik“ charakteristisch ist. Polnische Schnitter, Zigeuner, Knechte und Mägde bevölkern in den frühen Gedichten Huchels die Landschaft der Zauche, die „wendische Heide“. Später erscheinen Naturbilder als Chiffren für Bedrohung, für politische Desillusionierung und soziale Erstarrung, etwa im Gedicht „Traum im Tellereisen“. Ein Vers in „Der Garten des Theophrast“ lautet: „Sie gaben Befehl, die Wurzel zu roden“, und im Gedicht „Brandenburg“ versinkt die preußische Kalesche im Wasserschierling.

Nach ihrem Aufenthalt in der Villa Massimo beziehen die Huchels im Mai 1972 ein Haus in Staufen im Breisgau, das ihnen der Mäzen Franz Armin Morat zur Verfügung stellte. Der inzwischen fast 69-jährige Dichter wird jedoch nicht noch einmal heimisch. Als wollte er die versäumte Freiheit nachholen, unternimmt er zahlreiche Reisen ins europäische Ausland. Für seine Lyrik erhält er zahlreiche hochrangige Preise und Ehrungen, darunter den 1977 erstmals verliehenen Europalia-Preis. 1972 erscheint der Band "Gezählte Tage", der jene Gedichte enthält, die in der Zeit der Isolation in Wilhelmshorst entstanden sind. Ein weiterer Band – und zugleich der letzte Huchels – erscheint 1979: "Die neunte Stunde". Seine letzten Gedichte hatte Huchel zwei Jahre zuvor geschrieben, während eines Aufenthalts in Hamburg, von wo aus er schließlich wegen eines Hirninfarkts nach Staufen zurückkehren musste. Am 30. April 1981 stirbt Peter Huchel in Staufen.

Veranstaltung

Mittwoch | 31. Mai 2017 | 20.00 Uhr

Peter Huchel neu gelesen mit Orsolya Kalász

Moderation: Michael Opitz

Eintritt: 5 / 4 €

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Vorschau

22. Juni 2017, 20.00 Uhr
"Kann Angela Merkel eine Romanfigur werden?"
F.C.Delius im Gespräch mit SINN UND FORM
Moderation: Chefredakteur Mathias Weichelt