Der Unpolitische als Politikum

Peter Walther

Als in den 60er Jahren eine breitere Öffentlichkeit in der Bundesrepublik auf den Namen Huchel aufmerksam wurde, hatte dies weniger mit dem Lyriker zu tun, als vielmehr mit dem "politischen Fall", der aus der Weigerung Huchels entstanden war, sich den wechselnden ideologischen Maßgaben des DDR-Staates zu beugen. Nach vierzehn die Zeitschrift bis heute prägenden Jahren als Chefredakteur von "Sinn und Form" war Huchel Ende 1962 von seinem Posten verdrängt worden. Das letzte von ihm verantwortete Doppelheft wirkte wie ein Paukenschlag: Gleich auf die knappe Mitteilung Willi Bredels, Peter Huchel scheide auf eigenen Wunsch zum Ende des Jahres aus, folgt ein Text aus dem Nachlaß Brechts unter dem Titel "Über die Widerstandskraft der Vernunft". Neben Reden von Aragon und Sartre enthält die Nummer u. a. Beiträge von Huchels Jugendfreund Günter Eich, von Ilse Aichinger, Paul Celan, Isaak Babel, Jewgenij Jewtuschenko, Arnold Zweig, Hans Mayer, Ernst Fischer und Werner Krauss. Die Antwort der Kulturfunktionäre ließ nicht lange auf sich warten: Mit diesem Heft habe Huchel, ließ Alexander Abusch verlauten, "seine Intoleranz gegen andere künstlerische Anschauungen" gezeigt. Er habe allerhand "fragwürdige" Beiträge summiert, "um der Nummer bewußt einen demonstrativ gegen unsere sozialisti­sche Kulturpolitik und gegen den sozia­listischen Realismus gerichteten Charakter zu geben". Die Hamburger "Zeit" feiere ihn jetzt "als einen `Helden der westlichen Welt´, der auf dem Boden der Deutschen Demokrati­schen Republik kämpft". Die DDR lasse sich aber "durch die Intoleranz des Herrn Huchel in kei­ner Weise provo­zieren". Der Akademie-Präsident, Willi Bredel, hielt das Heft für einen "Loyalitätsbruch sonder­gleichen". Er möch­te nicht mehr mit Huchel weiter­verhandeln. Daß Huchel jetzt eine "hohe Al­ters­rente" und eine Reise nach Italien beantrage, sei eine Frechheit.1

Was war geschehen, daß der Dichter, der einmal von der "Größe eines Genies" schrieb und damit Stalin meinte, der 1950 ein Versepos zu Ehren der ostdeutschen Bodenreform und noch 1961 einen Spruch für den ersten DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck verfaßte, die Konfrontation mit dem Regime suchte? Und war es nicht schon die zweite Wendung, die Huchel vollzog, nachdem er sich bis 1940 mit mehr als dreißig Arbeiten an der Hörspielproduktion des Reichsrundfunks beteiligte und sich damit später dem Vorwurf ausgesetzt sah – um es mit der versteckten Selbstanklage Günter Eichs zu sagen – "das Schlachthaus mit Geranien" geschmückt zu haben? Freilich läßt sich aus der Biographie Huchels auch eine Kontinuität von Einstellungen herauslesen, die in das linke politische Spektrum weisen. So erscheint sein anfängliches Engagement für das gesellschaftliche Experiment DDR durchaus plausibel, bedenkt man die Herkunft aus dem Freundeskreis Bloch, Kantorowicz, Haffner usw. Jedoch mehr oder weniger differenzierte Apologie oder Verdammung sind nur zwei Seiten derselben Methode, ein Leben und ein Werk vom Hochstand heutigen Wissens zu beurteilen. Die entscheidende Kontinuität, der rote Faden, der sich durch alle Lebensphasen von Engagement und bewußter Anpassung bis hin zur politischen Verweigerung in Huchels Leben zieht, scheint mir das zu sein, was Hermann Kasack einmal als "lyrische Weltanschauung" bezeichnet hat: das Streben, die Welt im Medium des Gedichts zu erkennen und zu gestalten. Dieses Streben hat seine Wurzeln, von denen Huchel selbst berichtet hat:

"Wenn ich an das Dorf denke, in dem meine Mutter groß wurde und in dem ich später aufwuchs, so sehe ich das hohe weiße Doppeldachhaus in Alt-Langerwisch. Hier hörte ich zum erstenmal in meinem Leben Verse, lange Balladen über den Räuber Rinaldo Rinaldini, über den unglücklichen Kaiser auf Sanct Helena, Spottverse auf Landräte und Pastoren. Der sie mir vortrug, abends am Küchenfeuer, war auch ihr Dichter, es war mein kauziger Großvater, der sich schließlich nur noch und sehr zum Schaden seiner Landwirtschaft mit seiner kleinen Bibliothek beschäftigte (...) Aus diesen Kindheitstagen habe ich so viel Erfahrungen mit ins Leben genommen, daß mir noch heute alles deutlich in Erinnerung geblieben ist. Für mich ist dieses alte Haus, um Augustinus zu zitieren, "der große Hof des Gedächtnisses, daselbst Himmel und Erde gegenwärtig sind", weit und grenzenlos, und in ihm ist alles gegenwärtig: die Kindheit der Sterne, der schilfige Mittelgraben, die jahrhundertgraue Linde, die Erlen, die Pappeln, der sandige Heuweg. Und vor allem die Menschen der damaligen Landschaft: die Magd Anna, die mich aufzog, der alte Knecht, der aus dem Bau der Spinnen das Wetter voraussagte, der alte Ziegener, der bei abnehmendem Mond die Gürtelrose, das Rheuma bepustete, die Schnitter, Kutscher, Stromer und Zigeuner. - Etwas vom Geruch eines zerriebenen Nußblatts - und wir sehen in einen verschollenen Sommer hinein. Nicht wir rufen das Vergangene an, das Vergangene ruft uns an."2

Daß Huchel auf dem Lande aufgewachsen sei, gehört zu einer Wunschbiographie, die um so glaubhafter erscheint, als sie durch das spätere Werk bezeugt ist. Selbst in den Akten der Staatssicherheit liest man noch: "H. ist bäuerlicher Herkunft". Dabei wissen wir spätestens seit den Recherchen seiner Biographen Hub Nijssen und Stephen Parker, daß Huchel in eher kleinstädtischen Verhältnissen in Lichterfelde, das heute zu Berlin gehört, und in Potsdam aufgewachsen ist. Die Ehe der Eltern scheint nicht eben glücklich gewesen zu sein. Ein Gedicht Huchels beschreibt den Vater, Wachtmeister im 3. Garde-Unlanenregiment in Potsdam und später Kanzleibeamter, als einen Trinker. Die Mutter ist häufig krank und gibt das Kind zu den Großeltern. Hier erlebt Huchel die im Rückblick wichtigste Zeit seiner Kindheit, hier wächst das Inventar von Bildern, aus dem er für seine Lyrik ein Leben lang schöpft.

Wenn es je so etwas wie einen politischen Initiationsakt für Huchel gegeben hat, so fällt der in das Jahr 1920. Huchel selbst schreibt darüber: "Am Vormittag meldet sich der Sechzehnjährige von der Schulbank in die Reihen der Potsdamer Freikorps, stülpt der Sekundaner den Stahlhelm auf. Sein Zug, Dilettanten am Gewehr, Angestellte, Studenten, Schüler, wird unter dem Decknamen der Einwohnerwehr zum Schutz des Wasserwerks eingesetzt. Stacheldraht sperrt die Straße. Passanten, Autos werden aus Mangel an kriegerischer Betätigung angehalten und streng militärisch befragt. Auch sonst ist die Stimmung gehoben, ihre Grundlage gesund, hohe Tageslöhnung, Freibier, Zigaretten."3 Der Realschüler Huchel wird bei einer Schießerei "irrtümlich blessiert" und erwacht in dem "matterleuchteten Gang des Krankenhauses": "Zwei Monate liegt er dort, ausgelöscht in der weißgetünchten Melancholie des Krankenzimmers. Erst spät kommt es zu Debatten von Bett zu Bett: Politik. Der Nachbar, ein Metalldreher, macht ihm immer wieder die einfach­sten Begriffe klar. Mit einem Heizer, der seine Lokomotive Lotte nennt, schließt er Freundschaft. Am Stock verläßt er das Krankenhaus. Ein Schuß hat genügt, um in ein neues Leben zu humpeln."4

Mitpatienten hatten ihm das Antikriegsbuch "Le Feu" von Henri Barbusse gegeben. "Von da an war ich vollkommen rot", berichtet Huchel nicht ohne Selbstironie. Doch Politik war es nicht, was ihn während seiner späten Schuljahren und in seiner Studienzeit umtrieb. Schon der Schüler erkannte (wie sich Freunde später erinnern) seine Berufung zum Dichter. Erste Lyrik kreist um Gottsuche und Menschheitsversöhnung, Spuren Rilkes sind ebenso wenig zu verleugnen wie Einflüsse des Expressionismus:

"Du Name Gott, wie kann ich dich begreifen?
Du schweigst bewölkt. Du bist. Wir aber werden
nicht Frucht aus deinem Wort. O regne Licht
in uns! (...)"5

Noch ist nicht klar, ob dies der Anfang eines bedeutenden lyrischen Werks oder ein Beispiel für die literarische Begleiterscheinung reifender Selbstfindung ist, die in späteren Lebensphasen gern verleugnet wird. Für Huchel selbst scheint es solche Zweifel niemals gegeben zu haben. Schon der Abiturient stellt, vorerst ohne Aussicht auf Publikation, ein erstes Heft von Gedichten zusammen, die zwischen 1918 und 1923 entstanden waren. Folgerichtig war die Entscheidung, ein Studium der Literatur und Philosophie aufzunehmen. Nach zwei Jahren an der Friedrich-Wilhelms-Universität Unter den Linden setzt er sein Studium 1925/26 in Freiburg und Wien fort, kehrt nach Berlin zurück, bricht das Studium schließlich ab und geht für weitere zwei Jahre nach Frankreich. Huchels Interessen sind weniger wissenschaftlicher als allgemein geistesgeschichtlicher Natur. Er interessiert sich für Kunstgeschichte und Religion, entdeckt für sich die Mystiker und belegt eine Vorlesung zur Sexualpsychologie. In Wien hört er u. a. "Politische Lyrik des 18. und 19. Jahrhunderts." Hans Arno Joachim, der in den frühen Jahren sein literarischer Mentor ist, vermittelt erste Kontakte zu Schriftstellern. Nicht weniger entscheidend sind jedoch die Kontakte, die Huchel in Berlin knüpft. Dort macht er die Bekanntschaft von Karola Piotrkowska, der späteren Karola Bloch, die zu dieser Zeit mit Alfred Kantorowicz zusammenlebte. Durch sie kommt Huchel mit jenen zionistischen und marxistischen Kreisen in Berührung, die sich von den parteigebundenen Genossen den Vorwurf des Salonkommunismus gefallen lassen müssen. Der Student begeistert sich für Oscar Goldbergs Buch "Die Wirklichkeit der Hebräer" und gehört ein Jahr lang zu den Jüngern dieses eigenwilligen Gelehrten. Was ihn sonst zu jener Zeit intellektuell bewegte, hat er im Rückblick beschrieben: "(Ich) las Trakl und Kafka, las Freud und die `Spuren´ von Bloch. Eine neue Welt tat sich mir auf, als ich die Mystiker entdeckte, vor allem Jacob Böhme. Von Francis Bacon übernahm ich als Leitwort: `Wenig Wissen jagt die Götter fort, mehr Wissen bringt sie wieder zurück.´"6

Mit diesem Leitwort war Huchel nicht gerade zum orthodoxen Marxisten prädestiniert. Auch anderes hielt ihn davon fern, sich vorbehaltlos zum Kommunismus zu bekennen: Er war nicht weit genug entfernt vom Alltag und den Nöten der ärmeren Schichten aufgewachsen, um an die Phrasen vom besseren Menschen zu glauben, wie sie viele Intellektuelle aus dem Großbürgertum, die zur KPD gestoßen waren, nachbeteten. Ein biographischer Nachholebedarf oder ein Bewährungsdruck bestand für Huchel nicht. Vermutlich noch entscheidender für sein distanzierte Verhältnis zum organisierten Kommunismus war die Scheu, durch ein ernst gemeintes Bekenntnis zum geschlossenen marxistischen Weltbild mit seinen Zweifeln und Fragen auch jene Quellen zu versiegeln, aus denen er für seine Lyrik schöpfte. In seinem Text "Europa Neunzehnhunderttraurig", der 1931 in der "Literarischen Welt" von Willy Haas erschien, schreibt er darüber: " (...) er hat sich nicht an dem Start nach Unterschlupf beteiligt. Seine Altersgenossen sitzen im Parteibüro, und manchmal geben sie sogar zu, daß es aus irgendeiner Ecke her nicht gut riecht. Immer­hin, sie haben ihr Dach über dem Kopf. Aber da ihm selbst die marxistische Würde nicht zu Gesicht steht, wird er sich unter aussichtslosem Himmel weiterhin einregnen lassen. Sie winken aus der Arche der Partei, und er versteht ihren Zuruf. Der lautet: »Wir können dir an Hand des Unterbaues nach­weisen, daß du absacken wirst, ohne eine Lücke zu hinterlas­sen.« Aber dagegen hat er nicht viel einzuwenden, nichts zu erwidern. Sie müssen es wissen; denn sie haben die Wissen­schaft. Doch unterdessen schlägt sein Herz privat weiter. Und er lebt ohne Entschuldigung."7

Das klingt nicht viel anders als das Credo des jungen Günter Eich, der im Jahr zuvor in der Zeitschrift "Kolonne" auf die selbstgestellte Frage "Verantwortung vor der Zeit?" antwortete: "Nicht im geringsten. Nur vor mir selber."8 Und doch war der biographische Hintergrund, auf dem vergleichbare Einstellungen gewachsen waren, denkbar verschieden. Eich gehörte -  gemeinsam mit Martin Raschke und Adolf Artur Kuhnert - zum Freundeskreis, der im Dresdner Jess-Verlag die Zeitschrift "Kolonne" herausgab. Hier hatten sich junge Lyriker zusammengefunden, die mit ihrem neuromantischen und zivilisationskritischen Dichtungsverständnis Front machten gegen die ideologische Vereinnahmung der Literatur. Politische Enthaltsamkeit gehörte zum Programm, und sicher geht man nicht fehl, hinter der elitär wirkenden Trennung von (für den Tag geschriebener) Literatur und (überzeitlicher) Dichtung oder der Ächtung des städtischen Lebens eine grundsätzlich konservative Weltsicht zu sehen. Ein gewisser Widerspruch zu dieser Haltung tut sich allerdings im Hinblick auf die Tatsache auf, daß gerade Raschke und Eich das damals modernste Kommunikationsmittel, den Rundfunk, glänzend für ihre Arbeit zu nutzen wußten. Die Lebenswege von Eich und Huchel begegnen sich ein erstes Mal 1932, als Peter Huchel unter 547 Einsendern den Lyrikpreis der "Kolonne" gewann. "Die Worte öffnen sich wie Fächer, und es entfällt ihnen die verlorene Zeit", heißt es in der Laudatio auf den Preisträger.

Während dieser Zeit lebte Huchel in der Berliner Künstlerkolonie am Laubenheimer Platz, im Nachbarhaus wohnten Karola und Ernst Bloch. Huchels Freund Alfred Kantorowicz, der vier Häuser weiter lebte, war kommunistischer Zellenleiter. Er stand einer Gruppe vor, zu der u. a. Fritz Erpenbeck und Hedda Zinner, Ernst Busch, Erich Weinert, Arthur Koestler, Erich Mühsam, Wilhelm Reich und Max Schroeder gehörten. 1947 urteilt Kantorowicz im Rückblick auf diese Zeit über Huchel: "(Er) hatte auf seine verschlafene, musisch-versponnene Weise mit unseren Kampfaktionen gegen die Nazis sympathisiert, ohne sich bei Freund und Feind sonderlich bemerkbar zu machen."9 Peter Huchel, der durch den "Kolonne"-Preis bekanntgeworden war, bekam vom Dresdner Verleger Jeß das Angebot, einen Band in seinem Verlag zu veröffentlichen. Zuvor schon hatte Eich 1930 im Jeß Verlag debütiert, 1931 sollte dort ein Lyrikband von Hermann Kasack erscheinen, was jedoch an finanziellen Problemen des Verlags scheiterte. Die Arbeiten an dem Band, der unter dem Titel "Der Knabenteich" erscheinen sollte, zog sich bis in die erste Jahreshälfte 1933 hinein, und schließlich verzichtete Huchel - angesichts der "veränderten geschichtlichen Lage"10, wie Benn es formuliert hatte, und vermutlich auch aus literarischen Bedenken - auf eine Publikation des satzfertigen Manuskripts. Axel Vieregg, Herausgeber der Gesammelten Werke des Dichters, hat aufgrund eines im Nachlaß überlieferten Inhaltsverzeichnisses die Gedichtsammlung rekonstruiert. Bezeichnend ist, das mehr als die Hälfte der Texte – 39 Gedichte vor allem aus der ersten Hälfte der zwanziger Jahre – zu Lebzeiten Huchels nie wieder erschienen sind. Nur 18 der insgesamt 73 Titel übernahm der äußerst selbstkritische Dichter fünfzehn Jahre später für den Band "Gedichte". In einer Selbstanzeige zum "Knabenteich", die er im Dezember 1932 im Rundfunk las, heißt es:

,,Die erste Bedingung zum Verständnis dieser Verse wird darin bestehen, sich diesem Buch ohne jede Programmforderung zu nähern. Denn zeitnah sind die Gedichte nur zum Teil, nämlich sofern es ihnen gelungen ist, die vergangene Zeit wieder gegenwärtig zu machen. Nicht immer wird das den Gedichten gelungen sein; aber wo sie sich dem Vorsatz nähern, muß in ihnen wieder die Kindheit sichtbar werden, ein Stück Natur, ein Stück Leben, das seit »damals« unter Tag lag. Auch die Menschen, und nicht zuletzt diese, müssen sichtbar werden. (...) Niemals wird die Landschaft (der Zauche, der Mark) fotografisch gesehen, niemals wird sie naiv - als Lied zur Laute - besungen; mit Hori­zonten und Bäumen -von innen her will sie über die bloße Idylle hinaus; und meist erscheint sie nur, wenn der Mensch in ihr auftaucht. Oft trägt dann der Mensch die Züge der Natur, und die Natur nimmt das Gesicht des Menschen an. Aber nicht so sehr das Hinfinden des Menschen zur Natur, nicht so sehr das Einfühlen oder die Rückkehr in die Natur will in den Gedichten zum Ausdruck kommen, mehr noch ist es die Natur als Handelnde, die auf den Menschen eindringt und ihn in sich hineinzieht."11 Es fällt auf, daß sich diese Selbstanzeige im Ton kaum von dem eingangs zitierten autobiographischen Text aus den sechziger Jahren unterscheidet. Tatsächlich ist das wenige an Prosa, das seit dem Beginn der dreißiger Jahre von Huchel überliefert ist, genauso sorgfältig gearbeitet wie die Lyrik. Einmal als gültig erkannte Bilder und Wendungen finden sich teilweise über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten in den verschiedenen Reden, Briefen und Interviews wieder. So kann Huchel noch 1962 ganze Passagen aus seiner Selbstanzeige von 1932 nutzen, um eine Lesung im alten Gutshaus seiner Großeltern in Alt-Langerwisch einzuleiten.

Die sogenannte Machtübernahme durch die Nazis war auch für Huchel mit einschneidenden Veränderungen verbunden. Die Künstlerkolonie wurde von einem SA-Trupp überrollt, es fanden Haussuchungen und Verhaftungen statt. Freunde wie Hans Arno Joachim, Kantorowicz und Bloch mußten emigrieren. Jetzt wurde das Geflecht von Beziehungen wichtig, das Huchel zu den jungen Autoren des "Kolonne"-Kreises geknüpft hatte, von denen sich einige inzwischen um die Berliner "Rabenpresse" von V. O. Stomps geschart hatten. Horst Lange vermittelte den für Huchels schriftstellerisches Überleben im Dritten Reich folgenreichen Kontakt zu Wilhelm Hoffmann, dem Ehemann Elisabeth Langgässers, der bis 1935 bei der Berliner Funkstunde arbeitete. Zu den Freunden jener Zeit, die in Deutschland verblieben, gehörten neben Horst Lange und Oda Schäfer auch Günter Eich, Eberhard Meckel, Werner und Charlotte Bergengruen sowie bis zu seiner Emigration Sebastian Haffner. Nach seiner Rückkehr von einem einjährigen Aufenthalt bei den Eltern seiner Frau in Siebenbürgen hatte Huchel eine erste Auftragsarbeit des Rundfunks erfolgreich abschließen können. Bis zur kriegsbedingten Einstellung der Hörfunkproduktion 1940 schrieb er nach eigenen Angaben ca. 35 Hörspiele, von denen nur etwa die Hälfte im Text und ein weiteres Dutzend mit Titelangaben oder als Vorstufen überliefert sind. Lyrik von Huchel ist seit 1935 kaum noch erschienen, gerade einmal zwei neue Gedichte und sieben Nachdrucke sind bis 1946 veröffentlicht worden. Dazu gehört das Gedicht "Späte Zeit":

Still das Laub am Baum verklagt.
Einsam frieren Moos und Grund.
Über allen Jägern jagt
hoch im Wind ein fremder Hund.

Überall im nassen Sand
liegt des Waldes Pulverbrand,
Eicheln wie Patronen.

Herbst schoß seine Schüsse ab,
leise Schüsse übers Grab.
Horch, es rascheln Totenkronen,
Nebel ziehen und Dämonen.12

Im Juni 1940 hatte die Redaktion der Zeitschrift "Die Dame" einen Lyrikpreis ausgeschrieben, im Oktober sind einige der Einsendungen abgedruckt worden, darunter das Gedicht Huchels. Zur Jury gehörten unter anderem Marie-Luise Kaschnitz und Georg Britting. Preisgekrönt wurde nicht Huchels Gedicht, sondern das des Oberstabs­arztes Bodo Schütt, das, wie es in der Begründung heißt, "in seiner sehr männlichen Verhaltenheit und zuchtvollen Strenge, in seiner vor Empfindung gleichsam stählernen Härte als das allgemeingültige Bekenntnis eines Mannes (wirkt), der die Kraft hat, sein Herz dem großen deutschen Aufbruch darzubringen"13. Im Vergleich dazu hätte sich Huchel leicht den Vorwurf des Defätismus einhandeln können - allzu deutlich sind die Anspielungen auf die "Apokalyptischen Reiter", allzu nahe liegt die Frage nach den - wie auch immer gebrochenen - zeitgeschichtlichen Urbildern der "Dämonen". Andererseits hätte eine wohlwollende Lesart die Ästhetisierung  des Untergangs hervorheben können, die durchaus zum nationalsozialistischen Themenrepertoire gehörte. Hier wird ein Phänomen deutlich, das auch bei der Betrachtung anderer Huchel-Gedichte eine Rolle spielt: Die Logik einer nach politischen Spuren suchenden Betrachtungsweise führt beinahe zwangsläufig auf die Frage, ob es sich bei den Strophen um ein im politischen Sinne "harmloses" Gedicht, im konkreten Fall um die lyrische Verdichtung eines diffusen Endzeitgefühls, oder um einen "literarischen Kassiber", eine verschlüsselte Zeitkritik handle. Worin mögen die Gründe für eine derartigen Verengung der Perspektive liegen? Zum einen im Gedicht selbst, das die Stichworte für eine zeitkritische Spurensuche liefert. Zum andern sind die Interpretationen von Huchels Lyrik postum in das Spannungsfeld einer Debatte geraten, in der ihm – verkürzt gesagt – auf der einen Seite vorgeworfen wird, mit dem NS-Regime geistig kollaboriert, und auf der einen Seite attestiert wird, mit literarischen Mitteln unter den wechselnden Herrschaftsverhältnissen opponiert zu haben. Wer Wirkungsabsichten außerhalb dieser Polarität unterstellt, wird sogleich mit dem Vorwurf moralischer Indifferenz konfrontiert.

Von den Hörspielen, die Huchel schrieb, tat er die meisten später als "Brotarbeiten" ab. Eine Reihe dieser Stücke ist als Bearbeitung von literarischen Vorlagen entstanden, andere stützen sich auf authentische historische Quellen und literarische Vorbilder, wie etwa "Margarethe Minde". Handschriftli­che Randbemer­kungen in "Die Greuel von Denshawai" dokumentie­ren überdies, daß Huchel sich 1939/40 mit dem poli­tisch-sarkasti­schen und anti­bri­ti­schen Text von George Ber­nard Shaw im Hinblick auf eine Hör­spiel­bearbei­tung be­schäftig­te. Da weder ein Ton­trä­ger noch ein Manu­skript die­ser Shaw-Be­arbei­tung überliefert ist - auch die An­kündi­gungen in den Rundfunkzeitschriften sind ungenau -, ist jedoch unklar, ob die­ses Stück überhaupt gesendet wur­de. Zu konstatieren ist die Bereitschaft Huchels, sich an der antibritischen Kriegspropaganda zu beteiligen. Mit Kriegsbeginn und Zusammenlegung der Sender zu einem Einheitsprogramm erlosch das offizielle Interesse an Hör­spie­len. Durch die ausbleibenden Aufträge gerät Huchel in Geldnot und erhält von der Schiller-Stiftung in Weimar mehrere Zuwendungen aus der Notstandskasse. 1941 erfolgt seine Einberufung. Er wird zunächst als Flugmelder in einem kleinen Dorf bei Greifswald eingesetzt. Mit Hilfe privater Beziehungen gelingt es ihm jedoch gegen Ende 1942, nach Berlin-Grunewald versetzt zu werden. Als Huchel Ende April 1945 in der Nähe von Berlin in sowjeti­sche Kriegs­ge­fan­gen­schaft gerät, ist er noch immer Obergefreiter. Über die relativ kurze Zeit der Kriegsgefangenschaft schreibt er 1951 in einem Lebenslauf: "(...) übernahm im Lager Rüdersdorf die politische und kulturelle Betreuung der Kameraden (Leitung des Antifa-Aktivs). August/September 1945 Schüler der Schule der SMA (...)."14

Am 13. Mai 1945 hatte eine Grup­pe deutscher kommunisti­scher Emigranten unter sowjetischer Lei­tung begonnen, den Sende­betrieb des Rundfunks in der Masurenallee wieder aufzunehmen; Huchel wird im Sep­tem­ber 1945 als Dramaturg und persönlicher Refe­rent des Sen­de­leiters beim Sender angestellt. Am 1. August 1946 avanciert er zum einflußreichen Sende­lei­ter und Direk­tor des Berliner Rund­funks. Zu dieser Zeit leitet er die "Auto­renstunde", in der er dem Publikum in jeweils halb­stün­digen Sendungen Autoren wie Elisabeth Langgässer, August Scholtis, Hedda Zin­ner und Hermann Ka­sack vorstellt – alles alte Bekannte aus der Zeit der Künstlerkolonie. Daneben betreu­t er Hörspielseminare, organi­siert Ta­gun­gen, schlägt sich mit admi­ni­stra­ti­ven Angele­gen­heiten herum und lädt zu öffentli­chen Diskus­sio­nen ein.

Der Übergang in die neue Zeit ist Huchel erstaunlich schnell und reibungslos gelungen. Gerade fünf Jahre, nachdem in der Berliner Masurenallee sein letztes Hörspiel produziert worden war, kehrt der Autor als Dramaturg und später gar als Sendeleiter in dasselbe Gebäude zurück. Kantorowicz, der Jugendfreund aus den dreißiger Jahren, beschreibt mehr als drei Jahrzehnte später in seinem "Deutschen Tagebuch" eine Traumszene, in der er von Huchel ermutigt wird, ihn zu Hermann Göring ins Haus des Rundfunks, jenen gigantischen Poelzig-Bau aus den letzten Jahren der Weimarer Republik, zu begleiten. Max Schroeder, der Leiter des Aufbau Verlags, dem Kantorowicz von seinem Traum erzählt, setzt Göring mit Johannes R. Becher gleich 15. Der Traum von Kantorowicz berührt gleich zwei Empfindlichkeiten: Zum einen Huchels vermeintliche Nähe zur wechselnden Macht, zum andern die als ungerecht empfundene Protektion eines Dagebliebenen, während ihm, dem Emigranten, das Leben zunehmend schwer gemacht wird. Auch im Kreis der Freunde, der in den vergangenen zwölf Jahren entstanden war, gibt es Irritationen im Hinblick auf das Engagement Huchels für die neuen Machthaber. Kaum eine der Freundschaften aus dieser Zeit überlebt. Günter Eich unternimmt mehrere briefliche Anläufe, um mit Huchel wieder in Kontakt zu kommen. Zu einer Zusammenarbeit, wie sie seit 1934 üblich gewesen war, kommt es später nicht mehr. Freilich bringt Huchel, der Ende 1948 die Stellung beim Berliner Rundfunk mit der Chefredaktion von "Sinn und Form" tauscht, in einem der ersten Hefte Übertragungen von Eich aus dem Chinesischen16. Dies bleibt jedoch -  abgesehen von der Doppelnummer 5/6 1962 - der einzige Beitrag Eichs in der von Huchel verantworteten Redaktionszeit.

Erst 1948, zum Teil über zwei Jahrzehnte nach ihrer Entstehung, erscheinen die Gedichte Huchels in einem eigenständigen Band – gleichzeitig bei Aufbau und im Westen als Lizenzausgabe im Stahlberg Verlag. Die Kritiken sind durchweg positiv, es wird auf Loerke und Lehmann als Vorbilder verwiesen – eine literarische Sensation löst der Band jedoch nicht aus. Im Osten erscheinen die Gedichte Huchels im Klima der beginnenden Formalismus-Realismus-Debatte schon nicht mehr als zeitgemäß, zu wenig zupackend, zu wenig "realistisch", auch wenn die Toleranzgrenzen noch lange nicht so eng waren wie in den kommenden Jahren. Bei den in dem Band versammelten Gedichten spielen die Sujets Kindheit und Natur eine bestimmende Rolle, einige der Gedichte beziehen sich unter dem Titel "Zwölf Nächte" thematisch auf die jüngste Zeitgeschichte. Eingeleitet wird diese Abteilung mit dem schon erwähnten "Späte Zeit", es folgt u. a. das auf 1939 datierte "Deutschland", ein Zyklus, dessen zweiter Teil in der 1948 publizierten Fassung lautet:

Welt der Wölfe, Welt der Ratten.
Blut und Aas am kalten Herde.
Aber noch streifen die Schatten
der toten Götter die Erde.

Göttlich bleibt der Mensch und versöhnt.
Und sein Atem wird frei wieder wehen.
Wenn auch die heulende Rotte höhnt,
sie wird vergehen.17

Daß er dieses Gedicht als literarischen Kommentar zum Zeitgeschehen verstanden wissen wollte, hat Huchel mit der (im Band ansonsten nur spärlich vorgenommenen) Datierung auf das Jahr 1939 deutlich gemacht. Die Strophen korrespondieren mit einem der Manifeste des aufgeklärten Humanismus, Goethes Gedicht "Das Göttliche".  Auf den Goetheschen Imperativ "Edel sei der Mensch, / hilfreich und gut!" antwortet Huchels Gedicht mit der Gewißheit: "Göttlich bleibt der Mensch und versöhnt". Hier ist ein optimistisches Deutungsmuster vorgezeichnet, das nach dem Krieg die retrospektive Wahrnehmung des Dritten Reichs vielfach bestimmen sollte: Die Jahre des Nazi-Regimes wurden als "Rückschritt in die Barbarei", als Verzögerung innerhalb eines geschichtlichen Verlaufs begriffen, der grundsätzlich von der fortschreitenden Humanisierung der Gesellschaft geprägt sei. Unabhängig davon, daß dieser Optimismus bei Huchel wie eine Selbstüberredung wirkt, leidet die poetische Substanz des Gedichts unter der geschichtsphilosophischen Abstraktion. So fallen Huchels lyrische Ausflüge in Bereiche der politischen Zeitkritik– gemessen an seinem sonstigen Werk – literarisch wenig überzeugend aus. Im Abgleiten in das rein Stimmungshafte oder ins Deklamatorische holt den Lyriker – freilich auf hohem Niveau -  jenes Phänomen ein, das er selbst einmal beschrieben hat: "Nicht jedem liegt die politische Deklamation", schrieb er 1953, auf dem Höhepunkt einer inquisitorischen Debatte gegen den sogenannten Formalismus, "aber ein Gedicht, das ein sehr persönliches Erlebnis in der Sprache wirklich macht, kann weit mehr von der Bewegtheit der Zeit durchweht sein als eine Reimerei, die sich politisch gibt."18

Anfang der fünfziger Jahre kommt die Zeitschrift "Sinn und Form" wegen ihrer vermeintlich elitären Ausrichtung ins Schußfeld. Das auf den ersten Blick Unpolitische der Texte wird als Abstinenz, als neue Innere Emigration beargwöhnt und zunehmend zum Politikum - frei nach dem Becher-Motto von 1929: "Und wenn ihr schweigt, wir fragen, worüber ihr schweigt: in euch schweigt die Klasse, auch euer Schweigen ist Stellungnahme." Doch gerade Becher hatte Huchel 1948 zum Chefredakteur gemacht, und Brecht war es, der schützend seine Hände über das Unternehmen hielt, als Huchel 1953 ein erstes Mal entlassen werden sollte. Damals weigerte sich der Chefredakteur, eine Kantate von Becher und Ernst Hermann Meyer auf Ulbrichts 60. Geburtstag zu drucken. "Sinn und Form" ist seit 1950 eine Zeitschrift der Akademie der Künste in Ost-Berlin, und Huchel hat alle Mühe, sie vor den ausschweifenden Publikationsgelüsten der Akademiemitglieder zu schützen und das Niveau der ersten Jahre bei einer immer engstirniger werdenden Kulturpolitik zu halten. Förderlich dabei wirken der abgelegene Redaktionsort, das private Haus des Dichters in Wilhelmshorst bei Potsdam, sowie der autoritäre Stil des Chefredakteurs, dessen Sicherheit und Kompromißlosigkeit in der literarischen Bewertung einhergehen mit der Fähigkeit, wo es sein muß, politische Kompromisse zu machen. Ein Beispiel dafür dürfte das Heft 2/1953 mit den Beiträgen zum Tode Stalins sein, in dem unter anderem Johannes R. Becher mit seinem Gedicht "Danksagung". Zwei Strophen als Kostprobe:

Dort wird er sein, wo sich von ihm die Fluten
Des Rheins erzählen und der Kölner Dom.
Dort wird er sein in allem Schönen, Guten,
Auf jedem Berg, an jedem deutschen Strom.

Dort wirst du, Stalin, stehn, in voller Blüte
Der Apfelbäume an dem Bodensee,
Und durch den Schwarzwald wandert seine Güte,
Und winkt zu sich heran ein scheues Reh.19

Im gleichen Heft legt sich der damals in Warschau lebende Kritiker Marceli Ranicki in einem Beitrag über Erich Weinert mit Becher an, der sich "der Versuchung des Expressionismus" nicht widersetzt hätte, folgerichtig seien "fast sämtliche Gedichte Bechers, die aus jener Zeit stammen, heute schon in Vergessenheit geraten"20. Was den Ruf dieser Zeitschrift, von der Walter Jens einmal als dem "geheimen Journal der Nation" sprach und der Enzensberger seine erste Begegnung mit Adorno verdankt, was den Ruf von "Sinn und Form" unter Peter Huchel jedoch eigentlich ausmachte, war die Aktualität der literarischen und essayistischen Beiträge im Sinne ihrer überzeitlichen Geltung. Gleich in den ersten Nummern Beiträge von Romain Rolland, Oskar Loerke, Ernst Niekisch, Hermann Kasack und Gertrud Kolmar. Jean Paul Sartre, Brecht, Ernst Bloch und Thomas Mann gehören ebenso zu den Beiträgern wie Hans Mayer oder Hans Henny Jahnn. Als "stille Enklave des Liberalismus" wird die Zeitschrift im Westen gelobt. Freilich ist es damit schon bald nach dem Bau der Mauer vorbei. Die Strategie der SED hatte sich geändert, trotz anhaltender rhetorischer Beteuerungen war man nicht mehr wirklich an einer gesamtdeutschen Ausrichtung der Politik interessiert. Die Zeit der Volkskongresse und gesamtdeutschen Begegnungen war vorüber, jenseits der Hoffnungen vieler Intellektueller in der DDR, jetzt würde sich eine offene Debatte über die Entwicklung der Gesellschaft entspannen, ging es nun um die Sicherung des eigenen Terrains.

Auch auf ideologischem Gebiet wurden die Zügel angezogen. Huchel hatte immer häufiger vor der Akademie der Künste Rede und Antwort stehen müssen. Im Archiv der Akademie sind Listen aus jener Zeit überliefert, in denen eine statistische Auswertung der Zeitschrift zu dem Schluß kommt, daß unverhältnismäßig wenige Autoren aus den sozialistischen Ländern vertreten seien und die Problematik des sozialistischen Aufbaus in der DDR in den Beiträgen keine Beachtung fände. Die Konzeption der Zeitschrift als gesamtdeutsches Aushängeschild und als Identifikationsangebot für die Reste des in der DDR verbliebenen Bildungsbürgertums hatte sich mit dem Mauerbau schlicht überholt. Huchel sollte – gewissermaßen als ideologisches Korrektiv – Bodo Uhse als  zweiter Chefredakteur zur Seite gestellt werden. Auch sollte er die Zeitschrift stärker den Belangen der Akademie öffnen. Inzwischen einigermaßen erfahren im Umgang mit den Funktionären, erkannte er darin zu Recht den Versuch, ihn schleichend aus der Redaktion zu drängen. Doch diesmal zog Huchel mit der Zusammenstellung des eingangs erwähnten Doppelhefts die offene Konfrontation vor. Verschärft wurde die Situation dadurch, daß Huchel im Frühjahr 1963 den Fontane-Preis der Stadt Berlin verliehen bekommen hatte, einen Preis des "Frontstadtsenats", wie es auf der anderen Seite der Mauer hieß.  Es wird alles mobilisiert, um den Dichter von der Annahme des Preises abzuhalten. Die Funktionäre geben sich in Wilhelmshorst die Klinke in die Hand, Politbüromitglied Alfred Kurella schreibt nach einem Besuch bei Huchel:

Lieber Peter Huchel!
Auf der ganzen Rückfahrt kam ich nicht von folgendem Gedanken los: Mit Ihrer bisher wiederholt bewiesenen Stellung zu unserer Republik und zu einem antifaschistischen Deutschland müssen Sie doch verstehen, daß durch die Veranstaltung des Westberliner Senats ein neues Faktum entstanden ist, das Sie nicht hinnehmen können. (...) Sie haben wiederholt von Würde und von Stolz gesprochen. Es kann weder Ihre Würde noch Ihren Stolz verletzen, wenn Sie zu dem neuen Tatsachenbestand neu Stellung nehmen und Rudolf Hartung etwa in folgendem Sinne schreiben:
Sie haben in dem Beschluß der Jury eine Würdigung Ihres dichterischen Werkes gesehen. Inzwischen ist der Preis aber übernommen und verteilt worden durch den Westberliner Senat. Sie müssen sich versagen, diesen Senat politisch zu qualifizieren. Aber Sie können aus der Hand dieses politischen Gremiums, dessen Handlungen Ihrer politischen Überzeugung zuwiderlaufen, keinen Preis entgegennehmen. Deshalb müssen Sie mit dem Ausdruck des Leidwesens gegenüber der Jury Ihre Zustimmung zu dem Preis rückgängig machen.
Das soll kein `Entwurf´ sein. - So ungefähr würde ich in dieser Lage einen solchen Brief schreiben. (...) In der aufrichtigen Hoffnung, daß uns die gemeinsame Grundlage einer antifaschistischen Haltung gewahrt bleibt, Ihr Professor Kurella."21

Die plumpe Einflüsterung verfängt nicht, Huchel hatte sich bereits entschieden, ohne zu wissen, was das für die nächsten Jahre bedeuten würde. Die geplante Ausreise nach Italien, zunächst auf Einladung Gottfried Bermann-Fischers nach Camaiore, kommt nicht zustande. In einem erst jüngst von Stephen Parker aufgefundenen Dokument kann man die Anweisungen Ulbrichts nachlesen, Huchel nicht ausreisen zu lassen, sondern ihn unauffällig wieder in den ostdeutschen Kulturbetrieb einzubinden22. Das Problem sollte möglichst rasch aus dem Focus westlicher Publizität verschwinden. Was das für Huchel bis 1971 bedeutet, hat er als Notiz für ein Gespräch mit Kurt Hager resümiert: "Seit acht Jahren keine Genehmigung für Reisen, trotz wiederholter Anträge bei den zuständigen Stellen: Deutsche Akademie der Künste, Ministerium für Kultur, Schriftstellerverband. Gleichfalls keine Genehmigung zum Besuch der Mitgliederversammlungen der Hamburger oder der Westberliner Akademie. Keine Genehmigung für Autorenlesungen in Westdeutschland oder im Ausland (Schweden, Kanada). Seit über einem Jahr besonders deutliche Isolierung durch verstärkte Konfiszierung meiner Post: mich erreichte nicht die Mitteilung von der Verleihung des großen Kunstpreises von Nordrhein-Westfalen oder die Ernennung zum ordentlichen Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Seit Jahren Konfiszierung jeder westdeutschen oder ausländischen Literaturzeitschrift."23

Ungenannt bleibt die Bespitzelung durch die Staatssicherheit, die einen Nachbarn angeworben hatte, das Haus und die Familie zu beobachten, den Briefverkehr in beide Richtungen filterte und sämtliche Telefongespräche der Familie mithörte. Einem Brief Monica Huchels an die Wagenbachs, in dem sie von einer zugelaufenen Katze berichtet, glaubte die Staatssicherheit einen Fluchtplan entnehmen zu können. Monica Huchel schreibt: "Ein kleiner Haken ist bei dem Vergnügen, denn Sascha (der Hund) ist seiner ganzen Statur nach ein Katzenmörder – deshalb müssen Schleusen gebaut werden und eine gedachte Koexistenz kann nur sehr sukzessiv eingerichtet werden."24 Der letzte Satz ist in der Briefkopie, die sich in den Unterlagen der Staatssicherheit fand, unterstrichen, darunter steht handschriftlich zur Erläuterung: "Verdacht Grenzdurchbruch". Man wußte, daß Huchel überwacht wird. Die ihn dennoch in jener Zeit besuchten, hatten entweder nichts mehr zu verlieren wie Wolf Biermann, Günter Kunert, Norbert Randow und Henryk Bereska, oder sie waren nicht gewollt, Rücksicht zu nehmen, wie der junge Jürgen Israel, damals Lektor im Verlag von Noa Kiepenheuer und im Jahr darauf im Gefängnis wegen Wehrdienstverweigerung. Oder der Student Stefan Welzk, der den spektakulären Protest gegen die Sprengung der Leipziger Universitätskirche organisierte und auf abenteuerliche Weise mit dem Schlauchboot über das Schwarzen Meer in den Westen flüchtete.

1963 war – fünfzehn Jahre nach dem späten Debüt von 1948 – der zweite Gedichtband von Huchel unter dem Titel "Chausseen Chausseen" im  S. Fischer Verlag erschienen. Anders als im Band "Gedichte" bilden Kindheitserinnerungen in "Chausseen Chausseen" nur in wenigen Fällen den thematischen Rahmen für ein Gedicht. Zum ersten Mal nehmen die Landschaften des Südens einen großen Raum in der Lyrik Huchels ein, andere Gedichte spiegeln Erinnerungen an die zwanziger Jahre, als Huchel durch Südfrankreich wanderte, und an die Verheerungen des Krieges. Als Reaktion auf eine durchgängig positive bis euphorische Besprechung des Bands in der westdeutschen Presse meldete sich Wilhelm Lehmann mit einer radikalen Kritik zu Wort, die im Kern den Vorwurf des "Lyrizismus", des Epigonentums und mangelnder Genauigkeit bei der Verwendung von Natur-Metaphern enthält. Lehmann bemängelt, daß "das Lob der Dichtung mit dem Lob der mannhaften Haltung ihres heute sechzigjährigen Urhebers" ernährt werde: "Lyrik als Widerstand gegen zeitgenössische politische Verhältnisse wird von vornherein auf das eigentlich Lyrischer als ein zeitloses Element verzichten müssen."25 Für Lehmann verbot sich der Gebrauch von Naturmetaphern außerhalb der prägnanten Anschaulichkeit, für Huchel dagegen war die Natur "nicht mehr die heile, die absolute Natur, sondern es war für mich die vom Menschen veränderte Natur"26. Bereits vierzig Jahre zuvor hatte Huchel formuliert: "Nicht wir rufen das Vergangene an, das Vergangene ruft uns an."27 Die Magie, die von den Dingen ausgeht, wird mit metaphorischer Tiefenschärfe eingefangen. Ein solches "naturmagisches" Verfahren entzieht sich a priori politischer Instrumentalisierung, selbst wenn der Anlaß des Gedichts ein politischer ist. Peter Härtling hat das auf die Formel gebracht: Huchels "Lyrik redet nicht von Politik, sie redet aus der Existenz"28.

Nach beinahe neun Jahren der Isolation hatte die Familie im April 1971 nach Italien ausreisen können. Im Anschluß an einen einjährigen Gastaufenthalt in der Villa Massimo zogen die Huchels nach Staufen im Breisgau. In Rom bearbeitet Peter Huchel die während der vergangenen neun Jahre entstandenen Gedichte für eine Publikation bei Suhrkamp. Der Band erscheint 1972 unter dem Titel "Gezählte Tage". Zahlreiche dieser Texte stehen in direkter Beziehung zur Lebenssituation des Dichters in den Jahren, die von Überwachung und Schikanen geprägt waren. "Hubertusweg", die Adresse von Huchels Haus und zugleich die einstige Redaktionsanschrift von "Sinn und Form", gehört ebenso dazu wie "Unkraut" oder "Am Tage meines Fortgehns". Gerahmt wird der Band durch die Gedichte "Ophelia", zu dem der Tod einer jungen Frau an der Mauer den Anlaß gegeben hat, und "Das Gericht", in dem Huchel die Erfahrung eines politisch motivierten Gerichtsverfahrens verarbeitet. Darin heißt es:

Wandanstarrend,
nicht fähig,
den blutigen Dunst
noch Morgenröte zu nennen,
hörte ich den Richter
das Urteil sprechen, zerbrochene Sätze aus vergilbten Papieren.
Er schlug den Aktendeckel zu.29

Man könnte dies wohl ein "politisches Gedicht" nennen, wenn man es nur als Schlußstein und äußere Bestätigung einer lange schon vollzogenen politischen Desillusionierung läse: "nicht fähig, / den blutigen Dunst / noch Morgenröte zu nennen". Was so schön in die kommunistische Ikonographie paßte - das Panzerschiff "Aurora" gab den Startschuß in die neue Zeit - hat sich bei Huchel auf die martialische Basis des Gesellschaftsexperiments reduziert, auf den "blutigen Dunst". Für "Das Gericht" gilt jedoch auch, was Huchel mit Blick auf die biographisch-politische Bedeutungsschicht im Gedicht postuliert hatte – hier wird ein "sehr persönliches Ereignis in der Sprache wirklich" gemacht. Huchel selbst antwortete im Rückblick auf die sechziger Jahren in einem Interview mit Karl Corino auf die Frage, ob seine Gedichte aus jener Zeit auch politisch seien: "Direkt politische Gedichte möchte ich nicht sagen. Aber es sind natürlich die Gedichte der damaligen Jahre, wo man mich gezwungen hatte, so auszusagen. Ich wollte also keine politischen Gedichte schreiben, aber jede andere Aussage wäre einfach verlogen gewesen."30

Die letzten Jahre Huchels waren von der Rastlosigkeit des Heimatlosen geprägt. Eine Lesereise folgte auf die andere, Stationen innerhalb kurzer Zeit waren Italien, Österreich, Belgien, England, Holland, Norwegen, Schweden und die Schweiz. Zugleich wurde der Dichter mit Preisen überhäuft, seitdem er im Westen lebte: den Merck-Preis der Akademie für Sprache und Dichtung, den Österreichischen Staatspreis, den Literaturpreis der Deutschen Freimaurer, den Gryphius-Preis usw., alles in allem zehn Preise in acht Jahren, darunter die Mitgliedschaft im Orden pour le mérite. Als 1979 sein letzter Band unter dem Titel "Die neunte Stunde" erschien, war Huchel bereits von den Folgen eines Schlaganfalls gezeichnet. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die dem Dichter während seines letzten Lebensjahrzehnts im Westen zuteil wurde, war die Kehrseite der politisch motivierten Isolation im Osten. Daß diese Aufmerksamkeit im Fall von Huchel einem der bedeutenden Lyriker seiner Zeit galt, wurde vielfach als glücklicher Rezeptionsumstand gedeutet. Ohne Zweifel jedoch hat die politische Perspektive eher den Blick auf das lyrische Werk Huchels verstellt. Auch wenn der Dichter im Einzelfall der Versuchung oder dem Druck nicht widerstanden hat, unvermittelt auf die Sphäre des Politischen einzugehen, hatte er – bei einem ausgeprägten sozialen Empfinden – an den Machtspielen der Politik kein Interesse.  Nicht der Dichter, sondern der Chefredakteur von "Sinn und Form" war zur politischen Figur geworden, lange bevor er zum deutsch-deutschen Politikum wurde. Seine exponierte Stellung im Literaturbetrieb der DDR ließ dem Unpolitischen wenig Spielraum für politikfernes Wirken, sie bildete letztlich auch den Resonanzboden für den Fall Huchel. Dagegen liegen die Gebilde Huchelscher Poesie nach wie vor unversehrt unter dem Geröll der politischen Wertungen. "(...) unterdessen schlägt sein Herz privat weiter. Und er lebt ohne Entschuldigung."31, hatte Huchel den Altersgenossen im Parteibüro 1931 zugerufen. Die Zeiten waren nicht danach.

Zahlreiche biographische Details verdanke ich den Huchel-Biographien von Nijssen und Parker: Hub Nijssen, Der heimliche König. Leben und Werk von Peter Huchel, Nijmegen 1995; Stephen Parker, Peter Huchel. A Literary Life in 20th-Century Germany, Bern, Berlin usw. 1998.

1 Zitiert nach Nijssen, a. a. O. , S. 340.
2 Am Tage meines Fortgehns. Peter Huchel (1903-1981), hg. von Peter Walther, Frankfurt am Main 1996, S. 21 f.
3 GW II, S. 215.
4 GW II, S. 217.
5 GW I, S. 265.
6 Axel Vieregg (Hg.), Peter Huchel, Frankfurt am Main 1986, S. 17 (suhrkamp taschenbuch materialien st 2048).
7 GW II, S. 218.
8 In: "Die Kolonne. Zeitschrift der jungen Gruppe Dresden", Nummer 2, Februar 1930, S. 1.
9 Alfred Kantorowicz, Deutsches Tagebuch, Berlin 1978, S. 253.
10 Gottfried Benn, Brief an die Mitglieder der Dichterakademie, März 1933. In: Joseph Wulf, Kultur im Dritten Reich. Literatur und Dichtung, Frankfurt am Main/Berlin 1989, S. 23.
11 GW II, S. 244 f.
12 GW I, S. 94.
13 Die Dame 68 (1941), S. 8; zitiert nach: Nijssen, a. a. O. , S. 139.
14 Am Tage meines Fortgehns, a. a. O., S. 224.
15 Alfred Kantorowicz, a. a. O., S. 347 f.
16 Gedichte des Su Tung Po. In: "Sinn und Form" 1 (1949), Heft 5, S. 88-91.
17 GW I, S. 98.
18 GW II, S. 292.
19 Sinn und Form, Heft 2 1953, S. 9.
20 Marceli Ranicki, Erich Weinert, Ein Dichter des deutschen Volkes. In: Sinn und Form II 1953, S. 138-142.
21 GW II, S. 378 f.
22 A. a. O.
23 Am Tage meines Fortgehns (Katalogausgabe), a. a. O., S. XXXIII.
24 Ebenda, S. 268 (Faksimile).
25 Wilhelm Lehmann, Maß des Lobes. Zur Kritik der Gedichte von Peter Huchel. In: Vieregg (Hg.), a. a. O. , S. 33.
26 GW II, S. 393.
27 GW II, S. 249.
28 Peter Härtling, Der Zeuge tritt hervor. Zitiert nach: Nijssen, a. a. O. , S. 353.
29 GW I, S. 283.
30 GW II, S. 384.
31 GW II, S. 218.

Veranstaltung

Sonntag | 3. September 2017 | 14.00 Uhr

20 Jahre Peter-Huchel-Haus

Jubiläumsfeier mit der Nobelpreisträgerin
Herta Müller

Eintritt: frei

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